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Exploring Balance - wie sich dein inneres Gleichgewicht auf dein äußeres Selbst auswirkt

Ludwig Hefele, Bewegungswissenschaftler


Immer wieder werde ich gefragt wieso ich soviel Zeit damit verbringe auf den Händen zu stehen. Die Antwort ist simpel wie auch komplex: oberflächlich gesehen habe ich einfach Spaß daran. Manch andere*r übt sich in Yoga, rennt ins Fitnessstudio oder turnt an Gymnastikringen - ich mache eben Handstände. Wirft man einen tieferen Blick auf die Kunst des „Handbalancings“, dann wird schnell klar, dass es weit mehr ist als nur ein „spaßiges Hobby“. Man lernt sehr viel über den Umgang mit dem eigenen Körper und über den Umgang mit Emotionen. Der Handstand ist eine sehr präzise Bewegung, jeder einzelne Muskel muss sehr genau arbeiten, um die Balance zu halten, ein kleiner Fehler oder ein Moment, in dem die Gedanken abschweifen und schon fällt man. Hat man also viel Stress oder ist emotional aufgewühlt, so wird man dies sofort spüren sobald man sich auf die Hände begibt. Man hat also zwei Möglichkeiten, entweder man lernt seine Emotionen nicht überhand gewinnen zu lassen oder man ärgert sich darüber das heute ein schlechter Tag zum üben ist (Emotionen 1, Eigenentwicklung 0). Natürlich ist es auch in Ordnung an schlechten Tagen nicht zu üben, eine Bewegungspraxis soll sich nicht zwanghaft, sondern vielmehr erfüllend anfühlen, erst wenn dieses Kriterium erfüllt ist, wird sich das Potential entfalten und man entwickelt eine starke Bindung, die sehr sehr lehrreich sein kann. Was meine ich damit, fragt ihr euch? Nun ja, betrachten wir den Handstand weiterhin auf der Metaebene, so wird man viele wichtige alltägliche Eigenschaften wiederfinden. Jede*r der/die sich eine Zeit lang mit dem Überkopfstehen beschäftigt wird merken, wieviel Geduld notwendig ist um wirklichen Fortschritt zu sehen/zu spüren - die ersten 10000 Versuche (natürlich ist das überspitzt) bestehen meistens darin für ein oder zwei Sekunden wieder auf die Beine zu fallen oder gar nicht erst mit den Beinen über den Kopf aufschwingen zu können (Physikalisches Grundprinzip des Handstands: Das Massezentrum, Torso, Hüfte und Beine, muss über der Stützbasis, den Händen, platziert werden, dadurch werden alle Drehmomente gleich null gesetzt und man steht hoffentlich statisch im Handstand - letztlich ist es dasselbe Prinzip wie bei unseren Füßen, nur dass diese seit früher Kindheit im Einsatz sind und so ein sehr viel höheres Level an Proprioception - unserem sechsten Sinn und Genauigkeit aufweisen). Das ist ein guter Punkt, um über Angst und Vertrauen zu sprechen, anfangs ist das nämlich ungemein schwer denn - sind wir mal ehrlich - die Wenigsten haben so viel Vertrauen in ihre Fähigkeiten, den eigenen Körper oder ihr Körpergefühl, als dass direkt mit Vollgas in den Handstand aufgeschwungen wird. Dazu kommt noch der Angst-Aspekt - die meisten Leute auf diesem Planeten gehen vom „worst case“ aus, wenn sie auf etwas Ungewohntes, Neues treffen: Mein Knie tut weh, das muss Arthrose sein; Mein/e Chef*in will mich sprechen? - Ich werde meinen Job verlieren; oder eben: Wenn ich in den Handstand schwinge, dann sind meine Arme nicht stark genug, ich werde auf den Kopf fallen und mir das Genick brechen... . Dieses Szenario reiht sich irgendwo zwischen im Lotto gewinnen und vom Blitz erschlagen werden ein. Was aber ist der Wert, den wir daraus ziehen? Ganz einfach: Sich seinen Ängsten zu stellen und Dinge zu versuchen vor denen man sich im ersten Augenblick fürchtet. Etwas, das viele Menschen heutzutage leider nicht mehr schaffen, stattdessen läuft man so lange davon, bis man vor einer unüberwindbaren Wand angekommen ist, die einzustürzen droht. Der Handstand oder die Bewegungspraxis selbst ist natürlich nicht der heilige Gral um Vertrauen und Mut zu finden, sondern eher ein Werkzeug um ein Zahnrad in der großen Kette zum Laufen zu bringen. Ido Portal - ein bekannter Bewegungslehrer/Künstler aus Israel - hatte mal gesagt: Das Ziel ist nicht das Ziel, die eigentliche Kunst ist den Weg ans Ziel zu genießen sowie Vertrauen in den Prozess zu haben. Wenn man diesen Gedanken wirklich lebt und daran glaubt, wird man meiner Meinung nach zukünftig in jedem Bereich erfolgreich sein. Genug philosophiert, wenden wir uns wieder dem Handstand als physischem Skill zu: Ein weiterer wichtiger Punkt für die Entwicklung des Handstands ist die, mittlerweile in aller Munde, sogenannte „Körperspannung“. Was ist das eigentlich - Körperspannung? Leider ist es mir nicht gelungen eine allgemein gültige, wissenschaftliche Definition zu finden, stattdessen habe ich verschiedenste Erklärungsversuche gefunden: Von „Körperspannung ist die Aktivierung der Rumpf- und Rückenmuskulatur“ über „Die körperliche, muskuläre Grundspannung um Bewegungen ausführen zu können“ bis hin zu „Körperspannung ist häufig eine Reaktion des Körpers auf äussere Stimuli, wie Stress und dient so als Schutzmechanismus/Schutzspannung“. Was sagt uns das also? Zum einen hat Körperspannung offensichtlich etwas mit dem Körper zu tun, ich würde hier nicht nur eine spezielle Muskelgruppe oder die Muskulatur an sich mit einbeziehen, sondern jedwede Art von Gewebe, das unter Spannung stehen kann: Muskeln, Bänder, Sehnen, aber auch fasziales Gewebe (Bindegewebsstrukturen), das unseren gesamten Körper wie ein Netz umschlingt und dessen Eigenschaften derzeit nur begrenzt erforscht wurden. Richtig eingesetzt und aktiviert, hält diese Art der Körperspannung viel Potenzial bereit, um diverse physische Fähigkeiten zu ermöglichen und den menschlichen Körper immer wieder über sein Limit hinaus zu fordern - Gymnastik, der Inbegriff von Körperspannung ist hier wohl ein selbsterklärendes Beispiel. Kommen wir nun zum zweiten Punkt, der etwas alltäglicheren Art von Körperspannung - Verspannungen, aus der oben schon Erwähnten somatischen Reaktion des Körpers auf Stress. Wer kennt es nicht, das Gefühl sich nicht mehr vernünftig bewegen zu können weil jeder Muskel des Körpers erhärtet ist, der Nacken schmerzt, der Rücken schreit nach Zuwendung und dennoch kann einem niemand weiterhelfen, die Muskulatur kann sich einfach nicht entspannen. In einer Zeit, in der das Leben von Hektik sowie Stress dominiert wird und man kognitiv als auch physisch täglich Höchstleistungen erbringen muss, ist es nicht verwunderlich, dass der Körper ab einem gewissen Zeitpunkt zu streiken beginnt. Genau an diesem Punkt können Übungen zur Balance ein absoluter Game Changer sein.


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Foto von zoosnow von Pexels


Exploring Balance - how your inner balance affects your outer self


Ludwig Hefele, Movement scientist


Again and again I am asked why I spend so much time standing on my hands. The answer is both simple and complex: on the surface, I simply enjoy it. Some people practice yoga, run to the gym or do gymnastics rings - I just do handstands. If you take a deeper look at the art of "handbalancing", it quickly becomes clear that it is much more than just a "fun hobby". You learn a lot about how to handle your own body and how to deal with emotions. The handstand is a very specific movement, every single muscle has to work very precisely to keep the balance, a small mistake or a moment when your thoughts wander and you fall. So if you have a lot of stress or are emotionally upset, you will feel this as soon as you get on your hands. So you have two options, either you learn not to let your emotions get the upper hand or you get angry that today is a bad day to practice (emotions 1, self-development 0). Of course it is also ok not to practice on bad days, a movement practice should not feel obsessive but rather fulfilling, only when this criterion is met will the potential unfold and you develop a strong bond which can be very very educational. What do I mean by this, you ask? Well, if we continue to look at the handstand on a meta-level, we will find many important everyday characteristics. Anyone who has been doing handstands for a while will notice how much patience is needed to see/feel real progress - the first 10000 attempts - of course this is an exaggeration - usually consist of falling back on your feet for a second or two, or not being able to swing your legs up over your head at all. Basic physical principle of handstands: The center of mass, torso, hips and legs, must be placed above the base of support, the hands, thus all torques are set equal to zero and hopefully you are static in the handstand - ultimately it is the same principle as our feet, except they have been in use since early childhood and thus have a much higher level of proprioception - our sixth sense and accuracy. This is a good moment to talk about fear and confidence, because at first it's incredibly difficult due to the fact that - let's face it - very few people have that much confidence in their abilities, their own body or their body sense to jump straight into handstand at full throttle. There's also the fear aspect - most people on this planet assume the worst case scenario when they encounter something unfamiliar and new: “my knee hurts, it must be arthritis”; “my boss wants to talk to me? - I will lose my job”; or just: “If I swing into the handstand, my arms are not strong enough, I will fall on my head and break my neck.” This scenario is somewhere between winning the lottery and being struck by lightning. But what is the value we get out of it? Quite simple: to face your fears and try things you are afraid of at first. Something that many people nowadays unfortunately do not manage to do, instead they run away until they arrive in front of an insurmountable wall that threatens to collapse.

The handstand or movement practice itself is not the holy grail to find confidence and courage, but rather a tool to make a cog in the big chain work. Ido Portal - a well-known movement teacher/artist from Israel - had once said, "The goal is not the destination, the real art is to enjoy the way to the destination as well as to have confidence in the process.” In my opinion, if you really live this thought and believe in it, you will be successful in any field in the future. Enough philosophizing, let's turn back to the handstand as a physical skill: another important point for the development of the handstand is the, now on everyone's lips, so-called "body tension". Unfortunately, I have not been able to find a generally valid, scientific definition, instead I have found the most diverse attempts at explanation: From "Body tension is the activation of the trunk and back muscles" to "The basic physical, muscular tension to be able to perform movements" to "Body tension is often a reaction of the body to external stimuli, such as stress, and thus serves as a protective mechanism/protective tension". So what does this tell us? For one thing, body tension obviously has something to do with the body, I would include here not just a specific muscle group or the muscles themselves, but any type of tissue that can be under tension: Muscles, ligaments, tendons, but also fascial tissue (connective tissue structures), which wraps around our entire body like a net and whose properties have currently been researched only to a limited extent. Properly used and activated, this type of body tension holds a lot of potential to enable diverse physical abilities and to challenge the human body beyond its limits again and again - gymnastics, the epitome of body tension is probably a self-explanatory example here. Now let's move on to the second point, the more mundane type of body tension - tension, from the somatic response of the body to stress already mentioned above. Who does not know the feeling of not being able to move properly because every muscle of the body is hardened, the neck hurts, the back cries out for attention and yet no one can help you, the muscles simply cannot relax. In a time in which life is dominated by hectic and stress and you have to perform daily, cognitively and physically, it is not surprising that the body at a certain point begins to strike. It is at this point that balance exercises can be an absolute game changer.


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