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Das Abenteuer wagen, ich selbst zu sein



Wunderbar eintauchen lässt sich in das Pariser Leben ab Ende der 20er Jahre mit der ausgezeichneten Personale zu Simone De Beauvoir im Literaturhaus München. Texte und Bilder aus dem Alltag der Literatin zeichnen ein Bild mit dichter Atmosphäre – inspirierend und zugleich herausfordernd. Denn Simone de Beauvoir erhielt als Schriftstellerin zwar prominente Anerkennung – etwa 1954 den Prix Goncourt für ihren Roman „Les Mandarins“, der bereits im gleichen Jahr auf deutsch unter dem Titel „Die Mandarins von Paris“ erschien. Als Mitbegründerin der einflussreichsten Philosophie-Schule des 20. Jahrhunderts, des Existenzialismus, wurde sie jedoch nicht angesehen. Die lange Beziehung zu Jean Paul Sartre und die ununterbrochenen Gespräche der beiden bildeten jedoch deren philosophische Grundlage. Auch ihr Naheverhältnis zur Phänomenologie ist kaum im öffentlichen Diskurs präsent.


Anders als Sartre schrieb de Beauvoir die existenzialistischen Ideen in Romane, nicht nur in theoretische Werke, ein – etwa in „Alle Menschen sind sterblich“. Als Grundlagenwerk zur Geschlechterforschung gilt „Das andere Geschlecht“. Als zentrales Ergebnis dieser Forschungsarbeit kann gelten, was auch eine Hauptthese des Existenzialismus ist: dass der Mensch seine eigene Identität entwirft. In den Texten untersucht sie die Gegebenheiten und Voraussetzungen des Frauseins - sowohl aus geschichtlicher als auch biologischer, psychologischer und ethnologischer Perspektive. Eines der bekanntesten Zitate aus dem 900 Seiten dicken Buch ist wohl: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird dazu gemacht“. Sie war Pionierin in der Analyse, wie kulturell die Gender-Identität geprägt ist, und setzte diese Erkenntnisse in ihrer eigenen Lebensgestaltung um. Sie lebte so, wie sie es für richtig hielt, unterhielt zahlreiche Beziehungen und ließ sich in kein gesellschaftliches Korsett zwängen.


Das Buch löste einen Skandal aus, denn die Forderung nach selbstbestimmter Sexualität und individueller Rollendefinition hatte etwas zutiefst Revolutionäres. De Beauvoir hatte sich bereits 1930 gemeinsam mit Sartre zu einer offenen Beziehung in Unabhängigkeit und Gleichberechtigung bekannt. Bis heute berufen sich Feminist:innen und Forscher:innen in Gender Studies auf dieses Grundlagenwerk. Das Statement der Autorin Julia Korbik bestätigt die Aktualität: „Ich lese ›Das andere Geschlecht‹, wenn ich mich daran erinnern will, was der Feminismus schon erreicht hat. Vor allem aber auch: wenn ich mich daran erinnern will, was der Feminismus alles noch nicht erreicht hat und ich Munition und Denkanstöße brauche für mein feministisches Engagement.“


In der Ausstellung, inspirierend in Szene gesetzt und kuratiert von Eva Kraus & Katharina Chrubasik, Tanja Graf & Anna Seethaler, assistiert von Klara Pinnau, findet sich auch eine Installation der Übersetzungen in andere Sprachen, ergänzt mit Jahreszahlen. Die Übersetzung ins Deutsche war im Jahr 1951 die erste überhaupt. 1953 folgte die Übersetzung ins Englische. Vatikan und Spanien setzten das Buch auf die schwarze Liste. Erstausgaben, Übersetzungen und Neuauflagen werden in der Ausstellung präsentiert und vermitteln einen Eindruck der unerhörten Reichweite des Textes.


Porträts der Schriftstellerin aus verschiedenen Zeiten führen zu den einzelnen Stationen mit Dokumente und Fotografien, Kommentaren und Exponate. Durch zahlreiche Video-Statements, etwa von Iris Radisch, erhalten die Ausstellungsstücke aktuelle Kontextualisierung.


Die Möglichkeiten, als Frau den eigenen Lebensweg zu bestimmen, hat Simone de Beauvoir auch in ihrem im Jahr 1954 aufgezeichneten Buch „Die Unzertrennlichen“, beschrieben. Eindrucksvoll wurde dieses Zeugnis von Freundinnenschaft in einer Lesung im Literaturhaus Anfang Mai vorgestellt. Der Dialog von Übersetzerin Amelie Thoma und Beauvoir-Spezialistin Julia Korbik wurde kongenial ergänzt durch die Lesung der Schauspielerin Xenia Tilings, in der sie ebenso punktgenau wie geheimnisvoll und zugleich untheatralisch die Szenen erfahrbar machte. Details von Amelia Thoma aus dem Übersetzerinnen-Leben, wie etwa die Suche nach dem ähnlichen Sprachrhythmus in der anderen Sprache vermittelten einen lebhaften Eindruck von den Anforderungen und Schönheiten der anspruchsvollen Aufgabe, mehr als Worte zu übertragen. Julia Korbik, die bereits in ihrem Buch „Oh, Simone“ zahlreiche Gründe geliefert hat, sich auch heute als (junge) Frau mit de Beauvoir zu beschäftigen, berichtete über manche Erlebnisse, die auch in der Autobiografie „Memoiren einer Tochter aus gutem Hause“ oder im Erzählband „Marcelle“ verwertet wurden. Das Buch sollte nicht veröffentlicht werden, erst sieben Jahrzehnte nach Verfassen des Textes hat de Beauvoirs Adoptivtochter, Sylvie Le Bon de Beauvoir, den Roman freigegeben.


Doch selbst wenn die ein oder andere Passage bekannt sein könnte, empfiehlt sich dennoch das Lesen dieses Buchs, gerade wenn man nicht von der existenzialistischen Seite her in das Werk de Beauvoirs einsteigen will. Das Genre „Literatur über Freundinnen“ war damals noch längst nicht erfunden, auch hier war also die Autorin ihrer Zeit voraus. Die Begegnung und die Beziehung der Mädchen Andrée und Sylvie ist den eigenen Erlebnissen mit der Freundin Élisabeth Lacoin, genannt Zaza, nachempfunden. Die vielfältigen Gefühle von Liebe, Begeisterung und Anziehung, bis hin zu Eifersucht und Ablehnung stehen als gleichwertige Erzählthemen neben den äußeren Umständen. Gesellschaftliche, vor allem religiöse und patriarchale Zwänge werden genau demaskiert. Interessantes Detail: Trotz der andauernden engen Beziehung bleiben die Freundinnen beim "Sie" als Anrede. So hielt es Simone de Beauvoir auch mit Sartre – eine Geste der inneren Distanz oder doch Erbe der höflich strengen Erziehung?


Ein langes Video-Interview, das Alice Schwarzer mit Simone de Beauvoir 1973 in deren Pariser Wohnung geführt hat, ist ein Highlight der Ausstellung und vermittelt einen Eindruck von der Unbeirrbarkeit und fordernden Sanftheit der Autorin. Ergänzt ist es mit Gesprächen, in die Sartre einbezogen ist, in denen es auch um Freiheit und Lebensentwürfe geht. Eine inspirierende facettenreiche Ausstellung, über eine Ikone des 20. Jahrhunderts.



zu sehen bis 11.Juni 2023,

Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, 80333 München



Bild: © photos_by_ginny, Pexels




Daring the adventure of being myself


You can immerse yourself wonderfully in Parisian life from the end of the 1920s onwards with the excellent personal exhibition on Simone De Beauvoir at the Literaturhaus Munich. Texts and images from the everyday life of the writer paint a picture with a dense atmosphere - inspiring and challenging at the same time. Simone de Beauvoir received prominent recognition as a writer - for example, the Prix Goncourt in 1954 for her novel "Les Mandarins," which was published in German the same year. However, she was not considered a co-founder of the most influential school of philosophy of the 20th century, existentialism. Nevertheless, her long relationship with Jean Paul Sartre and their uninterrupted conversations formed its philosophical foundation. Her close relationship to phenomenology is also hardly present in public discourse.


Unlike Sartre, Simone de Beauvoir wrote existentialist ideas into novels, not just theoretical works - for example, "All Men Are Mortal". "The Second Sex" is considered a foundational work on gender research. As a central result of this inquiry work can be considered what is also a main thesis of existentialism: that man and woman designs his and her own identity. In the texts she examines the conditions and prerequisites of being a woman - from a historical as well as a biological, psychological and ethnological perspective. One of the most famous quotes from the 900-page book is probably, "You are not born a woman, you are made one." She pioneered the analysis of how gender identity is culturally shaped and applied these findings to her own life. She lived as she saw fit, maintained numerous relationships, and did not allow herself to be forced into any social corset.


The book caused a scandal, because the demand for self-determined sexuality and individual role definition had something deeply revolutionary about it. Together with Sartre, de Beauvoir had already declared her support for an open relationship in independence and equality in 1930. To this day, feminists and researchers in gender studies refer to the fundamental work in "The Second Sex". Writer Julia Korbik's statement confirms its relevance: "I read 'The Second Sex' when I want to remember what feminism has already achieved. But above all: when I want to remind myself of all that feminism has not yet achieved and I need ammunition and food for thought for my feminist commitment."


The exhibition, inspiringly staged and curated by Eva Kraus & Katharina Chrubasik, Tanja Graf & Anna Seethaler, assisted by Klara Pinnau, also includes an installation of translations into other languages, supplemented with dates. The translation into German was the first ever in 1951. In 1953, the translation into English followed. Vatican and Spain blacklisted the book. First editions, translations and new editions are presented in the exhibition and give an impression of the unheard-of reach of the text.


Portraits of the writer from different periods connect the individual stations with documents and photographs, commentaries and exhibits. Numerous video statements, for example by Iris Radisch, give the exhibits current contextualization.

Simone de Beauvoir also described the possibilities of determining one's own path in life as a woman in her book "The Inseparables," which she wrote in 1954. This testimony to female friendship was impressively presented in a reading at the Literaturhaus in early May. The dialogue by translator Amelie Thoma and Beauvoir specialist Julia Korbik was congenially complemented by actor Xenia Tilings' reading, which made the scenes tangible in a way that was as spot-on and mysterious at the same time as it was untheatrical. Details from Amelia Thoma's life as a translator, such as the search for similar speech rhythms in the other language, gave a vivid impression of the demands and beauties of the demanding task of translating more than words. Julia Korbik, who has already provided numerous reasons in her book "Oh, Simone" to deal with de Beauvoir even today as a (young) woman, reported on some experiences that were also used in the autobiography "Memoirs of a Daughter from a Good Family" or in the collection of stories "Marcelle". The book was not supposed to be published; it was not until seven decades after it was written that de Beauvoir's adopted daughter, Sylvie Le Bon de Beauvoir, released the novel.


However, even if one or the other passage might be familiar, it is still recommended to read this book, especially if one does not want to enter de Beauvoir's work from the existentialist side. The genre "literature about girlfriends" was far from invented at that time, so here too the author was ahead of her time. The meeting and the relationship of the girls Andrée and Sylvie is modeled on their own experiences with de Beauvoirs friend Élisabeth Lacoin, called Zaza. The diverse feelings of love, enthusiasm and attraction, to jealousy and rejection, stand as equally important narrative themes alongside the external circumstances. Social, especially religious and patriarchal constraints are precisely unmasked. An interesting detail: despite the enduring close relationship, the girlfriends stick to the formal "vous" as their form of address. This is also how Simone de Beauvoir addressed Sartre - a gesture of inner distance or the legacy of a politely strict upbringing?


A long video interview conducted by Alice Schwarzer with Simone de Beauvoir in 1973 in her Paris apartment is a highlight of the exhibition and conveys an impression of the author's imperturbability and demanding gentleness. It is supplemented with conversations involving Sartre, which also deal with freedom and life plans. An inspiring multifaceted exhibition, about an icon of the 20th century.



on view until June 11, 2023,

Literaturhaus Munich, Salvatorplatz 1, 80333 Munich, Germany.



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