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Documenta 15. Go there. Feel the vibe.

Aktualisiert: 10. Okt.




Ein wellblechgedecktes Entree aus geflochtenen Zweigen. Erst einmal dunkel, wenn man aus dem Sonnenschein kommt. Der Weg liegt im Zwielicht. Durch die total veränderten Lichtverhältnisse im Inneren verlangsamen sich die Schritte auf dem gewundenen Weg, der das Entrée zur Documenta-Halle freigibt.


-Ist das Kunst? fragt Zebra und zwinkert Okapi zu.

-Was ist denn Kunst? gibt Okapi zurück. -Geht es nicht vielmehr um die Haltung, mit der etwas geschaffen und gezeigt wird?


Man betritt unbekanntes Gebiet. Es kann sein und ist möglichwerweise beabsichtigt, dass die Ausstellung emotional tangiert. In Welten hineinzieht, die man so noch nicht bedacht hat – und auch nicht gefühlt. Es arbeiten hier Künstler*innen in gemeinschaftlichen Zusammenhängen, und sie nehmen sich kein Blatt vor den Mund. Oder sollte man sagen, sie zensieren ihre Wahrheit nicht. Den Bulldozer vor dem kleinen Wohnhaus von Aborigines, das den Land-Developern im Wege steht, gibt es wirklich. Nicht nur im Video. Vielleicht nicht 1:1, es geht nicht um eine Dokumentation.


Kleine Abschweifung: jede Dokumentation bedient sich natürlich auch immer einer Perspektive und ist also nicht neutral. Wahrnehmung geht nicht anders. Interessant wird es eben erst dann, wenn man versucht, Perspektiven einzunehmen, die nicht die eigenen sind. Diese Herausforderung stellt die Documenta, und das ist zu begrüßen. Es ist anstrengend, traurig, berührend, macht wütend, überwältigt. Aber nur gefühltes Wissen ist verfügbar. Alles bloß Intellektuell Gewusste führt nicht zu Handlungen. Es lässt sich vielleicht schick zitieren, hat aber keinen emotionalen Gehalt. Genau diese Erkenntnisform ist vielen aber zu gefährlich, zu wenig intellektuell. Ein nicht unerheblicher Teil der Kritik stört sich daran. dass zu viel über Gefühle gearbeitet wird. Übersetzt wird das als Vorwurf, dass ein Gesamtkonzept fehlt oder nicht erkennbar ist.


Die Diskussionen zum Documenta Skandal machen eine eigene Dimension auf. Selbstverständlich ist es inakzeptabel, antisemitische Darstellungen unkommentiert auszustellen. Gerade in Deutschland bedarf es besonderer Aufmerksamkeit diesbezüglich. Und es ist völlig unverständlich, dass besagte Szene, ganz im Comic-inspirierten Stil des Kunstkollektivs, erst so spät „entdeckt“ wurde. Wie ist nun aber das Geschrei danach, Forderungen die Documenta abzusetzen, Rücktrittsaufforderungen an die Verantwortlichen und der ganze Medienrummel zu beurteilen?


Kann es sein, dass mit der ausschweifenden Kritik an einem winzigen Bestandteil das gesamte Konzept zunichte gemacht werden soll? Sollen einfach die Perspektiven der Kunstschaffenden aus dem „globalen Süden“ schnellstmöglich wieder verdrängt werden?


-Was ist das für ein merkwürdiger Ausdruck, „Globaler Süden“?, will Okapi wissen. Kann man so viele Weltbereiche so einfach unter einen Nenner bringen? Klingt irgendwie immer noch kolonialistisch.


Zebra runzelt die Stirn. - Kategorien helfen doch angeblich, Unbekanntes in den Griff zu bekommen. Dann wissen wir, wovon die Rede ist. So glaub ich wäre das gedacht.


Ist es vielleicht bequemer, sich mit den altbekannten Vorwürfen und Schuldeingeständnissen des Antisemitismus zu befassen, die sich eher katalogisieren lassen? Die bereits verwaltet und bekannt sind? Und ist es nicht vielleicht aus dieser Sicht die wirkliche Zumutung, zu sehen, was gerade jetzt passiert? Die (neo)kolonialistischen Praktiken der Ausbeutung, der Extraktion und Exploitation liegen dem Florieren anderer Gebiete zugrunde. Heute. Hier und jetzt. Das ist der wirkliche Ansatzpunkt.


Die Documenta 15 bietet die Möglichkeit, in die künstlerische Wahrnehmung außerhalb einer „westlich“ geprägten Kunstauffassung einzutauchen. Sie arbeitet mit anderen Vorstellungen von Autor*innenschaft, mit der Idee des Kollektivs und stellt somit vieles Bekannte auf den Kopf. Die romantische Idee des „Künstlergenies“ etwa, die immer noch ziemlich präsent ist.


In den Inhalten wird auch ersichtlich, wie die weiße „westliche Kultur“ mit ihrem destruktiven Potenzial eine Spur der Verwüstung hinterlässt, wo sie hinkommt. Wie sie mit dem Narrativ der Verachtung, das sich auf ihre angeblich höhere Zivilisationsstufe stützt, Kulturen und Landschaften zerstört und Menschen und Tiere traumatisiert. Sie lässt ahnen, was sonst noch geschah, während mit der Erzählung von Fortschritt und Aufklärung die Welt zwangsbeglückt wurde. Und sie zeigt, dass diese Erzählung ein Marketingkonzept ist, das immer noch präsent ist. Wie jede Werbung stützt sich die Erzählung auf Konstruktionen, die Wesentliches auslassen. Manche sagen, auf glatte Lügen.


Aber es gibt eben auch die andere Seite. Viele Variationen des Zusammenlebens, die ein Überleben ermöglichen. Teilen, gemeinsam ernten, feiern. Miteinander sprechen. Der rote Faden der Documenta ist die Aufforderung, sich in Beziehung zu setzen. Den gemeinsamen Lebensraum als Gesamtzusammenhang zu begreifen. Dieser rote Faden zieht sich konsequent durch die Räume der Ausstellung, der Treffpunkte und Workshops. Mit der Erkenntnis, dass Leben nur gemeinsam stattfindet, entsteht ein anderes Bewusstsein. Die Reisscheune ist ein wunderbares Beispiel hierfür: nach der gemeinsam eingebrachten Ernte wird der Überschuss aufbewahrt und später der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt. Und die Ernte und das Teilen beziehen sich nicht nur auf Materielles, sondern auch auf Wissen, auf Freude, auf Lebendigkeit.


https://documenta-fifteen.de


©pexels-pixabay


Documenta 15. Go there. Feel the vibe.


A corrugated iron covered entrance made of woven branches. First dark when you come out of the sunshine. The path is in twilight. The totally changed light conditions inside slow down the steps on the winding path that opens the entrance to the Documenta Hall.


-Is that art? asks Zebra, winking at Okapi.

-What is art, then? returns Okapi. -Isn't it more about the attitude with which something is created and shown?


One enters unknown territory. It can be and is possibly intended that the exhibition touches emotionally. It draws you into worlds that you have not yet considered - nor felt. There are artists working here in collaborative contexts, and they don't mince words. Or should we say, they do not censor their truth. The bulldozer in front of the small Aboriginal home that stands in the way of the land developers really exists. Not just in the video. Maybe not 1:1, it's not about a documentary.


Small digression: every documentary, of course, always uses a perspective and is therefore not neutral. Perception can't be any other way. It only becomes interesting when one tries to take perspectives that are not one's own. Documenta poses this challenge, and that is to be welcomed. It is exhausting, sad, touching, makes you angry, overwhelms you. But only felt knowledge is available. Anything merely intellectually known does not lead to action. It can be quoted perhaps fancy, but has no emotional content. Exactly this form of knowledge, however, is too dangerous for many, too little intellectual. A not insignificant part of the criticism bothers about the fact that too much work is done about feelings. This is translated as the accusation that an overall concept is missing or not recognizable.


The discussions about the Documenta scandal open up a dimension of their own. Of course, it is unacceptable to exhibit anti-Semitic depictions without comment. Particularly in Germany, special attention is needed in this regard. And it is completely incomprehensible that said scene, entirely in the comic-inspired style of the art collective, was "discovered" so late. But how are we to judge the clamor for it, demands to cancel the Documenta, calls for the resignation of those responsible, and all the media hype?



Is it possible that the whole concept is to be nullified with the elaborate criticism of one tiny component? Is it simply to displace the perspectives of artists from the "global South" as quickly as possible?


-What kind of strange expression is that anyway, "Global South"?", Okapi wants to know. -Is it possible to bring so many areas of the world under one denominator so easily? It still sounds colonialist somehow.


Zebra frowns. - Categories are supposed to help us get to grips with the unknown. Then we know what we're talking about. That's how I think it would be.


Is it perhaps more convenient to deal with the old familiar accusations and admissions of guilt of anti-Semitism, which can be catalogued more easily? That are already managed and known? And from this perspective, isn't it perhaps the real imposition to see what is happening right now? The time is always now. The (neo)colonialist practices of exploitation, extraction and exploitation underlie the flourishing of other territories. Today. Here and now. That is the real point of reference.


Documenta 15 offers the possibility to dive into artistic perception outside of a "western" conception of art. It works with other notions of authorship, with the idea of the collective, and consequently turns many familiar approaches upside down. The romantic idea of the "artist genius", for example, which is still quite present.


The content also shows how white "Western culture" with its destructive potential leaves a trail of devastation wherever it goes. How it destroys cultures and landscapes and traumatizes people and animals with the narrative of contempt based on its supposedly higher level of civilization. A foreshadowing of what else happened while the narrative of progress and enlightenment was being used to forcibly gratify the world. And it shows that this narrative is a marketing concept that is still present. Like all advertising, the narrative relies on constructs that omit essentials. Some say, on outright lies.


But there is just that other side as well. Many variations of living together that make survival possible. Sharing, harvesting together, celebrating. Talking with each other. The common thread of Documenta is the invitation to relate. To understand the common living space as an overall context. This red thread runs consistently through the spaces of the exhibition, the meeting places and workshops. With the realization that life only takes place together, a different consciousness emerges. The rice barn is a wonderful example for this: after the harvest is gathered together, the abundance is stored and later made available to the community. And the harvest and the sharing refer not only to material things, but also to knowledge, to joy, to liveliness.


https://documenta-fifteen.de/en/













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