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Leben und leben lassen

Aktualisiert: März 16

Der Ruf nach Toleranz nimmt manchmal absurde Ausmaße an. Immer dann nämlich, wenn es um Diskussionen geht, die Meinungen und Tatsachen miteinander vermischen. Sehr häufig wird dann auf „Meinungsfreiheit“ gepocht, wie etwa in politischen Debatten. Die Schwelle zwischen Toleranz und Ignoranz ist hier naturgemäß gravierend. Ob es um das Recht auf Meinungsfreiheit geht, wenn Leugner der Trump-Niederlage das Kapitol in Washington stürmen? Wo Gewalt ins Spiel kommt, hört doch dieses Recht auf, so gemeinhin gesellschaftlich vereinbart. Und dieser Sachverhalt ist nicht verhandelbar, wenn die Gewalt sichtbar ist und sich tatsächlich ereignet. Es kann also weder darum gehen, diesen Akt als Meinungsäußerung zu rechtfertigen, noch darum, die Kritik an der Gewaltbereitschaft als individuelle Meinung hinzustellen. Dieser Fall scheint eindeutig. Wie verhält es sich aber bei der alltäglichen Gewalt, die so gewöhnlich ist, dass sie ganz verschwindet?

Eine solche übersehene Situation findet sich zum Beispiel auf einem Bild in meinem

Sprachkurs: ein schönes, rundes Glas, mit sauberem Wasser gefüllt. Darin ein orangeroter Fisch. Davor eine Katze, die den Fisch beobachtet. Ganz normal, oder?

Der Fisch kann sein Leben lang nichts anderes machen als in einem winzigen Radius immer wieder im Kreis schwimmen. Das macht nichts, denn er hat ja angeblich nur eineinhalb Sekunden Gedächtniskapazität. Oder? Sagt wer? War der Forscher in seiner letzten Inkarnation ein Goldfisch?

Eine andere alltägliche Gewaltdemonstration sind die Marktreihen, die abgetrennte Teile von bis vor kurzem lebendigen Körpern zum Verkauf anbieten, die sich chic „Fleisch- und Fischtheken“ nennen. Bei der Diskussion, ob Menschen das Recht haben, einfach nach Belieben und nach Geschmacksvorlieben andere Lebewesen zu töten, habe ich schon oft eine besonders interessante Forderung gehört. Den Wunsch derer, die sich damit nicht näher befassen wollen, oder denen die Tatsache der Gewalttätigkeit egal ist. Sie verlangen dann Toleranz mit dem Satz „Leben und leben lassen“. Ein guter Ansatz für Veränderung, oder?


Okapi nimmt einen tiefen Atemzug und schließt die mit dichten langen Wimpern umrundeten Augen. -Willst Du hier jetzt ernsthaft meditieren? fragt Zebra irritiert. -Auf jeden Fall. Was anderes fällt mir dazu momentan nicht ein. Wenn ich so aufgeregt von den Diskussionen bin, muss ich mich erst mal beruhigen, erwidert Okapi. -Das klingt vernünftig, aber Vernunft steht Dir, als Tier, doch gar nicht zu. -Das kommt darauf an, meint Okapi mit wichtiger Miene. Und jetzt sei bitte ruhig. Dir würde eine kleine Innenreise auch nicht schaden.

Mit diesen Worten schlägt Okapi einen tiefen Gong an.


Photo by Chevanon Photography from Pexels


Live and let live


The call for tolerance sometimes takes on absurd proportions. This is always the case when it comes to discussions that mix opinions and facts. "Freedom of opinion" and “freedom of expression“ is very often insisted upon, such as in political debates. The threshold between tolerance and ignorance is naturally grave here. Is the right to freedom of expression at stake when deniers of Trump's defeat storm the Capitol in Washington? Where violence comes into play, surely this right ceases, so commonly socially agreed. And this state of affairs is not negotiable when violence is visible and actually occurs. It can therefore neither be a matter of justifying this act as an expression of opinion, nor of presenting criticism of the propensity to violence as an individual opinion. This case seems clear. But what about everyday violence, which is so ordinary that it disappears altogether?

Such an overlooked situation can be found, for example, in an image in my language course file: a beautiful, round glass, filled with clean water. In it, an orange-red fish. In front of it, a cat watching the fish. Quite normal, isn't it?

The fish can't do anything all its life except swim in circles over and over again in a tiny radius. That doesn't matter, because it supposedly only has a memory capacity of one and a half seconds. Doesn't it? Says who? Was the researcher a goldfish in his last incarnation?

Another everyday demonstration of violence are the rows of markets offering for sale severed parts of, until recently, living bodies, chicly calling themselves "meat and fish counters." In discussing whether humans have the right to simply kill other living creatures at will and according to taste preferences, I have often heard a particularly interesting claim. The wish of those who do not want to deal with it more closely, or who do not care about the fact of violence. They then demand tolerance with the phrase "live and let live". A good approach for change, isn't it?


Okapi takes a deep breath and closes its eyes, which are surrounded by thick long eyelashes. - Are you seriously going to meditate here now? Zebra asks irritatedly.

- Absolutely. I can't think of anything else to say at the moment. If I'm so excited by the discussions, I have to calm down first, Okapi replies. - That sounds reasonable, but you, as an animal, are not entitled to reason. - That depends, says Okapi with an important face. - And now please be quiet. A little inner journey wouldn't do you any harm either.

With these words, Okapi strikes a deep gong.


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