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Schwebfliege Mon Amour

Frühling, Vogelgesang in der Dämmerung, vielstimmige Symphonie in der jede Stimme gehört wird. Endlich wieder diese berauschende Vielfalt verschiedener Grüntöne – die hellen Blätter des blühenden Apfelbaums, das saftige Grün des lanzenförmigen langblättrigen Grases, moosige und kräftige Töne am Waldboden. Betörender Fliederduft, Akazien, elfenhafte Tamarisken und hie und da schon Pfingstrosen in strahlendem Burgunderrot. Vereinzelt fliegt eine schwarze Erdhummel vorbei. Ab und zu hat sich auch schon eine Biene ins Zimmer verirrt, aus dem sie dann mit einem Glas gerettet und wieder hinausbefördert wird.

Und dann beginnt die Gartenarbeit. Warum nur so laut? Warum ist die Liebe zum Draußen sein gepaart mit fanatischem Rasenmähen, quengelnden Laubsägen, aggressivem Heckenschneiden? Die Gartencenter bieten Gifte an und andere „Schädlingsbekämpfungsmittel“. Was soll das für eine Liebe zur Natur sein, die unterworfen, gezüchtigt, geradegebogen und gejätet werden muss?


Menschlicher Kontrollwahn hat Folgen für alle. Das Buch „Stumme Erde: Warum wir die Insekten retten müssen“ von Dave Goulson ist soeben auf deutsch erschienen, Original „Silent Earth“. Der Titel lehnt sich bewusst an „Silent Spring“ der großartigen Rachel Carson aus dem Jahr 1963 an. Der desaströse Zustand unserer Umwelt wird bei Goulson in direkten Bezug zum Leben der Insekten gesetzt. Oft hört man vom Problem des „Bienensterbens“, es geht jedoch auch um die unzähligen anderen, weniger prominenten und kuschelig anzusehenden Arten, die das Ökosystem im Gleichgewicht halten.


In der systemischen Sichtweise versteht sich ein Eingriff auf einer beliebigen Seite des Systems als wirksam für alle Teile. Der Umgang mit verschiedenen Giften betreffen also nicht nur die „Schädlinge“, für die sie entwickelt werden, sondern alle, die damit in Berührung kommen.


Kleiner Einwurf von Zebra: - Wer bestimmt eigentlich, wer oder was schädlich ist? Für wen und warum?

Okapi entgegnet: - Kann es sein, dass diese Diskussion eigentlich politisch ist? Der Umgang mit anderen ist schließlich ein politisches Thema. Auch wenn die anderen keine Menschen sind.


Auswirkungen von Gifteinsatz ist für alle letztlich fatal. Über 87% der Bestäubungsarbeit erfolgt durch Insekten, wie zum Beispiel durch die Schwebfliege. Sie ist ein zartes und elegantes Fluginsekt, dessen Zeichnung an Bienen, Wespen oder Hummeln erinnert. Goulson beschreibt einige Momente aus deren Leben. Für diejenigen, denen es an bisher noch Fantasie fehlt, sich in ein Insekt hineinzuträumen, lässt sich der Text auch als Fabel verstehen.


„Diese Fliege ernährt sich im Frühling von Rapsblüten und ist dadurch einem Pestizidmix ausgesetzt. Geht die Blütezeit des Raps zuende, fliegt das hungrige, mit giftigen Stoffen belastete Insekt auf der Suche nach Nahrung über die Felder, passiert das elektromagnetische Feld einer Hochspannungsleitung und erreicht einen Blühstreifen am Straßenrand, wo es nicht nur Gefahr läuft, gegen die Windschutzscheibe eines Autos zu prallen, sondern auch noch Benzindämpfen ausgesetzt ist. Währenddessen kämpft das Immunsystem der Fliege gegen ein eingeschlepptes Pathogen, das sie sich an einer kontaminierten Blüte eingefangen hat. Allerdings funktioniert ihr Immunsystem nicht mehr richtig, weil sie gleichzeitig auch Fungiziden ausgesetzt war…“


Es wäre aber noch fataler, jetzt nur zu weinen und dann einfach von der prekären Situation abzulenken. Dave Goulson gibt einen optimistischen Ton vor, wenn er zukünftige grüne Städte beschwört: „Auf jedem freien Platz wüchsen Wildblumen und Obstbäume, sämtliche Dächer und Mauern wären begrünt; eine Zukunft, in der Kinder noch mit dem vertrauten Gezirpe der Grillen, dem Zwitschern der Vögel, dem Brummen vorbeifliegender Hummeln, dem Anblick bunt schillernder Schmetterlingsflügel aufwachsen dürften.“


Eine Kultur des Hinschauens, des Wahrnehmens ist auch hier gefragt. Eine weltzugewandte, lösungsorientierte Sichtweise. Diese stellt Fragen: „Was ist?“ und: „Was könnte sein?“ Nur dann entsteht Handlungsfähigkeit, entwickeln sich Visionen.


Okapi nickt und bekräftigt: - So be it. And so it is.



Zitate aus Dave Goulson, Stumme Erde: Warum wir die Insekten retten müssen. Hanser, München 2022

Das Original “Silent Earth: Averting the Insect Apocalypse” erschien 2021 bei Randomhouse London.



Hoverfly Mon Amour


Spring, birdsong at dawn, polyphonic symphony in which every voice is heard. Finally again this exhilarating variety of different shades of green - the bright leaves of the blossoming apple tree, the lush green of the lance-shaped long-leaved grass, mossy and strong tones on the forest floor. Beguiling scent of lilacs, acacias, elf-like tamarisks and here and there already peonies in bright burgundy. Occasionally a black earth bumblebee flies by. Now and then a bee has strayed into the room, from which it is carefully rescued with a glass and transported out again.

And then the gardening begins. Why is it so noisy? Why is the love of being outside paired with fanatical lawn mowing, whining leaf saws, aggressive hedge trimming? Garden centers offer poisons and other "pest control" products. What is this love of a nature that must be subdued, chastised, straightened and weeded?


Human control mania has consequences for all beings. The book "Silent Earth: Why We Must Save the Insects" by Dave Goulson has just been published in German. The title deliberately borrows from "Silent Spring" by the great Rachel Carson in 1963. Goulson relates the disastrous state of our environment directly to the life of insects. Even if the problem of "bee mortality" is well known by now, it is also about the myriad other insect species that keep the ecosystem in balance, less prominent and cuddly to look at.


In the systemic view, an intervention on any one side of a system is understood to be effective for all parts. Thus, dealing with various poisons affect not only the "pests" for which they are developed, but all who come in contact with them.


Small interjection from Zebra: - Who actually determines who or what is a "pest"? For whom and why?

Okapi counters: - Can it be that this discussion is actually political? Dealing with others is a political issue. Even if the others are not human people.


Effects of poison use are ultimately fatal for all. Over 87% of pollination work is done by insects, such as the hoverfly. It is a delicate and elegant flying insect with markings reminiscent of bees, wasps or bumblebees. Goulson describes some moments from their lives. For those who as yet lack imagination to dream themselves into an insect, the text can also be understood as a fable.


"This fly feeds on canola flowers in the spring, exposing it to a mix of pesticides. When the rapeseed blooms end, the hungry insect, loaded with toxic substances, flies across the fields in search of food, passes the electromagnetic field of a high-voltage power line, and reaches a flowering strip at the side of the road, where it not only runs the risk of crashing into the windshield of a car, but is also exposed to gasoline fumes. Meanwhile, the fly's immune system is fighting an introduced pathogen that it caught on a contaminated flower. However, its immune system is no longer functioning properly because it was also exposed to fungicides at the same time..."


But it would be wrong to just cry now and then simply distract from the precarious situation. Dave Goulson sets an optimistic tone when he conjures up future green cities: "Wildflowers and fruit trees would grow in every open space, all roofs and walls would be greened; a future where children would still be allowed to grow up with the familiar chirping of crickets, the chirping of birds, the buzzing of passing bumblebees, the sight of colorful iridescent butterfly wings."


A culture of looking, of taking notice is also needed here. A worldly, solution-oriented view, which will ask questions like, "What is?" and "What could be?" Only then does the ability to act emerge and visions begin to develop.


Okapi nods and affirms: So be it. And so it is.





Quotes from Dave Goulson: Silent Earth: Averting the Insect Apocalypse. Randomhouse, London 2021.

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