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Animalia. Von Tieren und Menschen

  • Autorenbild: Aurelia Pangolini
    Aurelia Pangolini
  • 24. Juni
  • 4 Min. Lesezeit



Den unterschiedlichen Beziehungen zwischen menschlichen und nicht menschlichen Tieren spürt die Wiener Ausstellung „Animalia. Von Tieren und Menschen“ nach.  


„Animalia“ sind Lebewesen mit Seele, egal ob Menschen oder Tiere. Um so erstaunlicher, dass man Tieren oft Gefühle und Bewusstsein nicht zutraut, dass man sie geringschätzt. Weil sie vermeintlich so ganz anders sind. Die Ausstellung geht dieser Abgrenzung nach.


Mit ca. 90 Werken, unterteilt in 6 Kapitel, führt die Ausstellung in der Heidi Horten Collection eine Auswahl von Aspekten vor, z.B. das Tier als Ressource, als Spiegel des Selbst, als wissenschaftliche Kategorie oder als Bestie, bis es schließlich als eigenständiges Tier auftritt.


(Titelbild: Ulrike Müller, Rug (las criaturas), 2021, Heidi Horten Collection, © die Künstlerin)


Den Beginn macht das Tier als Partner:in. Anna Jermolaewas Fotoinstallation „Mäusefängerin“ zeigt Katzen als Mitarbeiter:innen in der Sankt Petersburger Eremitage. Diese Katzen gelten seit Jahrzehnten als Angehörige des Museumsbetriebs und „arbeiten“ in der riesigen Kunstsammlung als Maus- und Rattenjäger:innen. Dafür erhalten sie Speis und Trank und haben ein eigenes Katzenkrankenhaus. Die Porträts präsentieren die Katzen als angesehene Mitglieder im Kulturbetrieb und transportieren ganz selbstverständlich deren unterschiedliche Persönlichkeiten. Andererseits eröffnet sich die Frage nach dem Status der gejagten Tiere. Als „Schädlinge“ klassifiziert, ist deren Eliminierung nicht nur erwünscht, sondern ehrenhaft.



Streicheln oder töten?

Ein bekannter Zwiespalt findet sich in der unterschiedlichen Bewertung von oft gehätschelten und verwöhnten „Haustieren“, und völlig unterworfenen „Nutztieren“, denen soziale, kulturelle, intellektuelle und emotionale Fähigkeiten meist immer noch abgesprochen werden.



Dominika Bednarskys Keramiken in Tierform veranschaulichen den alltäglichen, sorglosen Umgang mit Tierkörpern – sei es durch Tötung zu Essenszwecken oder Fellgewinnung. In „A Sitting and A Slurping and A Spitting and A Thinking“ hat sie den Kopf eines Schweins modelliert, blutverschmiert, aber, grotesk anmutend wie manche Luxusdinner, verziert mit Ananas. Die „XS Carpets“ wiederum bestehen aus flachen Körpern von Nagetieren. Sie sehen aus, als seien sie überfahren worden. Roadkill eben, üblicher Kollateralschaden. Oder zerschneiden nicht vielleicht Straßen die Lebensräume von Mitlebewesen, die auch ein Anrecht auf Platz haben? Die kleinen Tiere mit ausdrucksstarker Mimik erinnern an Trophäen-Teppiche aus Bären- oder Tigerfellen mit Kopf.


Jagd und Beute

Die Jagd nach illustren Trophäen treibt das weltweite Aussterben voran. Dazu kommt die Einengung des Lebensraums zugunsten der Ausdehnung menschlicher Lebenswelten. Yan Pei Mings düsteres Gemälde, „Tigres et Vautours“, zeigt Tiger und Geier im Kampf um eine gejagte Beute. Die Hauptbedrohung für alle Lebewesen entsteht aus einer monomanischen Interpretation von Welt mit einer stets wachsenden Anzahl von Menschen. Folglich befinden sich die Tiere in einer wüstenartigen, dystopischen Landschaft.


Yan Pei-Ming, Tigres et Vautours, 2015, Heidi Horten Collection, © Bildrecht, Wien, 2026
Yan Pei-Ming, Tigres et Vautours, 2015, Heidi Horten Collection, © Bildrecht, Wien, 2026

 

Das Thema Jagd und Beute dient oft als Entschuldigung, warum Menschen Tiere konsumieren dürfen oder sogar müssen. Man beruft sich dabei auf Biologie, etwa „die Nahrungskette“, auf Traditionen oder vermutete Ernährungsdefizite. Zudem haben Jahrtausende des Anthropozentrismus wiederholt, dass Tiere den Menschen unterlegen und eigentlich nur Maschinen sind, allein durch Instinkte getrieben. So legitimiert man Ausbeutung, Missbrauch und Tötung. Was spräche dagegen?


Ein anderer Widerspruch der Mensch-Tier-Beziehungen tut sich bei der oft beschworenen Bewunderung des Lebens im Jagdmilieu auf, die der Sammlungsstifterin auch nicht fremd gewesen sein dürfte. Sie betätigte sich im Tierschutz, jagte aber auch gerne. Der Hintergrund des Vermögens Horten aus der NS-Zeit gehört zum Zwiespalt der Sammlung. Um so erfreulicher, dass die Kurator:innen die Anziehungskraft prominenter Namen nutzen, um sie mit aktuellen Themen zu verknüpfen. Die Sammlung erfährt so eine weitere Interpretationsebene und wird gezielt durch weibliche und zeitgenössische Positionen erweitert.


Hörner/Antlfinger: Unknown Parrot with Princess (2015–17) zwei-Kanal-Video ©Hörner/Antlfinger
Hörner/Antlfinger: Unknown Parrot with Princess (2015–17) zwei-Kanal-Video ©Hörner/Antlfinger

Zentrum der Welt?

Künstlerinnen und Künstler haben sich seit jeher mit Tieren befasst, in Malerei und Skulptur, in Literatur und Musik. Es gibt Vermutungen, dass es sich bei den frühesten bekannten Kunstwerken, Tierdarstellungen in Höhlen und auf Felsen, um Jagdzauber gehandelt haben soll. Andere Interpretationen sehen darin klare Zeugnisse tiefster Verehrung. Auch in der Ausstellung begegnen dem Publikum objektifizierte Tiere und solche, die eindeutig in ihrer Handlungsmacht gezeigt werden. „Was würden Tiere sagen, wenn wir ihnen die richtigen Fragen stellen?“ fragt die Philosophin Vinciane Despret in einem Buch. Darin ordnet sie 26 Fragen alphabetisch nach Stichworten, übrigens wie der Ausstellungskatalog.


Wirklich einen Perspektivenwechsel auszuprobieren, stellt eine große Herausforderung dar. Sie lässt sich mit einem zurechtgerückten Weltbild vergleichen, wie es durch Kopernikus‘ Erkenntnisse geschah. Die Erde ist nicht das Zentrum des Universums und der Mensch ist nicht das zentrale Lebewesen. Die Video-Installation „Unknown Parrot with Princess“ von Hörner/Antlfinger im Kapitel über das autonome Tier vollzieht diesen Perspektivwechsel. Sie zeigt quer durch die Jahrhunderte Gemälde, auf denen Papageien und Frauen vorkommen. Auf zwei Tafeln laufen die Videos, nur minimal zeitlich versetzt, nebeneinander ab. So erhält man eine Doppelprojektion derselben Bilder, doch deren Titel unterscheiden sich. Im Originaltitel des Anfangsbildes heißt es nämlich „Unknown Princess with Parrot“. Durch die vermeintlich kleine Änderung im Titel richten sich plötzlich die Überlegungen eher auf die Geschichte des gezeigten Vogels – denn er ist ja hier der Unbekannte, nicht die Prinzessin.


CMUK: Die Welt in der wir leben, 2016  Buchobjekt, Vitrine. © Hörner/Antlfinger
CMUK: Die Welt in der wir leben, 2016  Buchobjekt, Vitrine. © Hörner/Antlfinger

Vielfältige Akteur:innen

Einen Schritt weiter führt das Interspecies Collective. Das Buch „Die Welt in der wir leben“, ein Klassiker der Weltdarstellung aus anthropozentrischer Perspektive, wurde von den Graupapageien Klara und Carl des Interspecies Collective CMUK bearbeitet. Hier agieren die Tiere als gleichberechtigte Mitgestalter:innen im Kunstprozess.


Im Katalog zu „Animalia“ heißt es mit Verweis auf Mary Midgley: „Wenn wir nicht nur den Tieren ähnlich, sondern selbst Tiere sind, dann fordert uns dies zu einer Haltung der Verbundenheit und Verantwortung auf.“ Dieses Argument betont die Nähe und Ähnlichkeit von Menschen und anderen Tieren und kann dadurch das oft fehlende Mitgefühl wieder beleben. Tiere begleiten Menschen von Anbeginn an, leben schon viel länger auf der Erde und sind unsere Vorfahren. In dieselbe Richtung weist Maria Lassnigs „Selbstporträt mit Affen“, mit dem Untertitel „Geliebte Vorväter“.


Birgit Jürgenssen, Ohne Titel (Selbst mit Fellchen), 1974,  Heidi Horten Collection, © Bildrecht Wien, 2026 
Birgit Jürgenssen, Ohne Titel (Selbst mit Fellchen), 1974,  Heidi Horten Collection, © Bildrecht Wien, 2026 

 

Es ist aber ebenso wichtig, Tiere – diese unüberschaubare Anzahl von Lebewesen, deren einziger gemeinsamer Nenner das „nicht-Mensch-Sein“ ist – genau deswegen wertzuschätzen, weil sie anders sind als Menschen. Denn Vielfalt ist das, was Leben erst ermöglicht.



Die Ausstellung ist noch bis 30. August 2026 in der Heidi Horten Collection in 1010 Wien, Hanuschgasse 3, zu besichtigen. https://www2.hortencollection.com/ausstellungen/aktuell


Führung ist empfehlenswert!

 


 
 
 

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