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Illusionen von Macht

  • Autorenbild: Aurelia Pangolini
    Aurelia Pangolini
  • vor 4 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit


-Hey Zebra, was sagst du dazu – Tiere sind in den letzten Wochen sehr prominent vertreten in den Nachrichten!

 

-Wirklich? Ist mir entgangen! Lass hören!

 

-Pass auf. Okapi zieht eine Print-Ausgabe des britischen Guardian aus seiner Tasche und blättert darin. -Genau, also hier: Der eine beschimpft eine Journalistin als Schweinchen. Und der andere beschimpft gleich alle möglichen politischen und sonstigen Ländervertreter*innen als Schweine. Davon abgesehen… - Okapi nimmt eine weitere Zeitung aus der Tasche und entfaltet sie umständlich - …musste man sich auch dringend in Acht nehmen vor zwei Stieren, die vom Schlachthof geflohen waren und sich im Wald versteckt hatten.

 

-Oh, ja, daran erinnere ich mich. Es war wirklich verstörend.

 

-Genau, es musste eine Spezialeinheit der österreichischen Polizei ausrücken, die COBRA, um diese Tiere zu erschießen.

 

Zebra nickt traurig. -Ja. Und auf die Frage, warum man sie nicht betäuben konnte, wurde erzählt, es sei so gefährlich gewesen. Dass sie dann vielleicht auf die Straße gelaufen wären.

 

-Hier ist wieder einmal eine perfekte Verkehrung der Tatsachen im Gange, nämlich von wem die Gefahr ausgeht. Okapi klopft ungeduldig mit dem Huf auf den Boden.


Zebra legt die Ohren an und erwartet eine Schimpftirade. Diese bleibt nicht aus.


-Es ist wohl eindeutig klar, dass die größte Gefahr immer und die ganze Zeit von den Menschen ausgeht… und zwar von jenen, die keine Ahnung haben, was Leben bedeutet. Die nicht wissen, dass es um mehr geht als Essen und Geld scheffeln…. Ganz zu schweigen davon, dass sie ihre eigenen Gefühle in keiner Weise wahrnehmen. Also haben sie auch kein Bewusstsein dafür, was ein Lebewesen ist, und offensichtlich ist das auch vollkommen egal… Okapi holt tief Luft.

 

-Weißt du, was ich mir noch dazu gedacht habe? unterbricht Zebra. Ich glaube, dass es Menschen, die solche Entscheidungen treffen bzw. gutheißen, sehr wichtig ist, sich damit zu brüsten, dass man die Gewalt über Leben und Tod hat. Man muss dann natürlich zeigen, dass man den glücklich Entkommenen trotzdem das Leben nicht lässt, weil man so mächtig ist und weil man nun mal bestimmt hat, dass sie getötet werden müssen. Weil man es kann. Das gehört eben dazu!, heißt es dann. Und so war’s schon immer – was, nebenbei gesagt, natürlich vollkommener Quatsch ist. Aber so haben sie den Eindruck, mächtig zu sein. Was natürlich in gewisser Weise ein Trugschluss ist, denn es geht um gewaltgestützte Prozesse, ohne die keinerlei Macht zu erzielen wäre.

 

-Da kommen wir in den Bereich des Politischen zurück, und ich finde die Diskussion auch sehr wichtig, gerade jetzt, bemerkt Okapi. -Ich möchte aber noch was zu den Stieren sagen. Ich sehe ja diese Flucht dennoch als Akt der Befreiung. Diese tapferen Tiere haben es geschafft, einfach vor ihrem Todesurteil zu fliehen. Sie haben einfach diese Frechheit besessen, sich diesem menschlichen Willen nicht zu unterwerfen. Auch wenn sie es letztlich nicht geschafft haben, so ist das ein eindrückliches Statement.

 

-Aber auch, wenn man sie nur betäubt hätte – letztlich hätte man sie gefangen und trotzdem getötet, gibt Zebra zu bedenken. -In den Kommentaren zum Zeitungsartikel meinen einige Leser*innen, man hätte sie dann auf einen Lebenshof bringen sollen.

 

-In der Tat. Das wäre eine gute Idee gewesen. Aber: Dann hätte man sie ja nicht fressen können! Und was das gekostet hätte! ruft Okapi mit übertriebener Inbrunst.


-Solche Kommentare stehen übrigens auch beim Artikel.

 

-Hopsasa und tralala!

 

-Was willst du damit sagen? fragt Okapi.

 

-Dass ich nicht jede Diskussion tausendmal führe! Zebra winkt lässig ab.


Okapi packt die Zeitungen wieder ein. -Aber dann wären 2 Stiere gerettet…

 

-…Und was ist mit den anderen? Kenne ich auch, diese Schleife. Darf man nicht einzelne retten, wenn man nicht alle retten kann? Auch diese Argumente sind nicht neu. Ich kann eins nach dem anderen tun. Nicht alles auf einmal, und ich nicht ich allein. Aber tun muss ich was!

 

-Schön hast du das gesagt. Das wollte ich hören, schmunzelt Okapi. -Dann lass uns jetzt was tun.




Illusions of Power


-Hey Zebra, what do you say – animals have been very prominent in the news in recent weeks!


-Really? I missed that! Let’s hear it!


-Listen up. Okapi pulls a print edition of the British Guardian out of its bag and leafs through it. -Exactly, here: one is calling a journalist a “piggy”. And the other one is calling all kinds of political and other country representatives “pigs”. Apart from that, humans also had to be on the lookout for two bulls that had escaped from the slaughterhouse and were hiding in the forest.


-Oh, yes, I remember that. It was really disturbing.


Zebra nods sadly. -Yes. And when asked why they couldn’t be tranquillised, they said it was too dangerous. That they might have run onto the road.


-Exactly, a special unit of the Austrian police, COBRA, had to be called in to shoot these animals.


Zebra lays its ears back and waits for a tirade of swearing. It is not long in coming.

-It is quite clear that the greatest danger always and at all times comes from humans... namely those who have no idea what life means. Those who do not know that there is more to life than eating and amassing money... Not to mention that they are completely unaware of their own feelings. So they have no awareness of what a living being is, and obviously that doesn’t matter at all... Okapi takes a deep breath.


-Do you want to know what else I thought about it? interrupts Zebra. -I have a feeling that it is very important for humans who make or approve such decisions to boast about having power over life and death. Of course, they then have to show that they are not letting the lucky escapees live, because they are so powerful and because they have decided that they must be killed. Because they can. “That’s just part of it”, they say. “And “that’s how it’s always been” – which, by the way, is complete nonsense. But it gives them the impression of being powerful. Which is, of course, a fallacy in a way, because these are violence-based processes without which no power could be achieved.


-That brings us back to politics, and I think this discussion is very important, especially now, Zebra remarks. -But I’d like to say something else about the bulls. I still see their escape as an act of liberation. These brave animals managed to flee their death sentence. They simply had the audacity not to submit to human will. Even if they didn’t ultimately succeed, it’s still an impressive statement.


-But even if they had only been sedated, they would have been caught and killed anyway, Okapi points out. -In the comments on the newspaper article, some readers say that they should have been taken to a sanctuary.


-Indeed. That would have been a good idea. But then the humans wouldn’t have been able to eat them! And what it would have cost! exclaims Okapi with exaggerated fervour.


-Incidentally, there are comments like that on the article too.


-Hopsasa and tralala!


-What’s that supposed to mean? asks Okapi.


-That I don’t need to have every discussion a thousand times! Zebra casually waves it off.


Okapi packs the newspapers away again. -But then two bulls were saved, and what…


-...And what about the others? I know that loop too. Shouldn’t we save individuals even though we can’t save everyone? These points aren’t new either. I can do one thing at a time. Not everything at once, and not all by myself. But I have to do something!


-That’s beautifully said. That’s what I wanted to hear, Okapi smiles. -Then let’s do something now.

 
 
 

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