Denken ohne Geländer
- Aurelia Pangolini

- 1. Jan.
- 5 Min. Lesezeit

-He, Zebra! Ich bin gerade auf dieses Zitat von Hannah Arendt gestoßen: „Nichts ist gefährlicher als nicht zu denken." Was hältst du davon?
-Moment – gefährlicher als nicht zu denken? Ist es nicht eher gefährlich, wenn man anfängt, alles zu hinterfragen? Dann kommt man sich doch vor, als würde man im Sand versinken.
Okapi nickt. -Das denken viele erstmal! Weil es verunsichert, wenn plötzlich die Dinge nicht mehr so klar sind. Nicht mehr “normal” und verläßlich, sozusagen. Aber Arendt meint: Nur wenn wir wirklich nachdenken, können wir auch wirklich urteilen. Und ohne Urteilsfähigkeit wird es richtig problematisch.
-Und wie genau funktioniert dieses Nachdenken?
-Arendt sagt, man muss eine Art Gespräch mit sich selbst führen – eine „innere Zwiesprache". Sich fragen: Kann ich mit dem, was ich tue oder sage, auch vor mir selbst bestehen? Passt das zu meinen Werten? Sich selbst Rechenschaft geben, gewissermaßen.
Zebra blickt skeptisch. -Okay, aber reicht es, nur mit sich selbst zu reden?
-Durchaus nicht. Und das ist das Spannende, denn es geht weiter: Wir müssen versuchen, uns in andere hineinzuversetzen. Auch in Personen aus der Vergangenheit z.B,. So erweitern wir unseren Blickwinkel. Nicht nur unsere eigene Perspektive zählt, sondern viele verschiedene Stimmen.
-Mehrere Perspektiven gleichzeitig im Kopf haben?
Okapi nickt. -Genau. Arendt nennt das „Many in one" – viele in einem. Bücher, Filme, Kunst helfen uns dabei. Oder, wenn ich das in aller Bescheidenheit anmerken darf, Tiere. Sie zeigen uns die Welt aus anderen Augen. Dadurch werden wir reicher im Denken, bunter sozusagen. In ihrem Spätwerk beschreibt sie die Welt als gemeinsame Bühne des Erscheinens für alle Lebewesen, die einander in ihrer Unterschiedlichkeit wahrnehmen.
-Das klingt aber ziemlich anstrengend. Haben Menschen da nicht Angst davor? gibt Zebra zu bedenken. -Vielleicht muss man dann ja auch was verändern.
-Ja, das ist manchmal unbequem, gibt Okapi zu. -Arendt nennt das „Denken ohne Geländer". Aber es bedeutet, selbstständig zu werden, nicht einfach zu glauben, was andere sagen. Wie Sokrates damals: immer Fragen stellen, nichts einfach hinnehmen.
-Und wann soll man das machen? Im Alltag hat man doch kaum Zeit dafür.
-Das stimmt, und genau deshalb ist es so wichtig, sich diese Zeit zu nehmen. Man muss aus dem „Strom der Ereignisse" heraustreten. Kurz innehalten. Sonst wird man einfach mitgespült und kann gar nicht mehr entscheiden, was man eigentlich richtig findet.
-Hat sie das auch selbst so gemacht? will Zebra wissen.
-Ja, absolut. Sie hat auch ihre Texte immer wieder überarbeitet, auf Reaktionen gehört. Für sie war Schreiben selbst ein Denkprozess, Schreiben war Dialog. Und sie hat in mehreren Sprachen gedacht und geschrieben – sie hat „zwischen den Sprachen" gedacht, wie sie es nannte. Das hat ihr nochmal andere Blickwinkel eröffnet. Für sie war Sprache übrigens auch Handeln, nicht nur reden.
-Soviel ich weiß, hat sie im letzten Jahrhundert gelebt. Wie relevant ist sie heute?
-Gerade heute wird sie wieder viel gelesen. Überall gibt es autoritäre Strömungen, Umweltzerstörung, komplexe technische Systeme, die wir kaum noch durchblicken. Da stellt sich die Frage: Wie können wir reagieren? Wie können wir unsere Stimme erheben, Kritik üben?
-Und ihre Antwort wäre: Denken?
-Genau, und daraus Konsequenzen ziehen. Wer nicht denkt, kann nicht urteilen. Und wer nicht urteilen kann, kann auch nicht verantwortlich handeln. Das ist die eigentliche Gefahr. Deshalb: Nichts ist gefährlicher als nicht zu denken.
Thinking without Banisters
-Hey, Zebra! I just came across this quote from Hannah Arendt: ‘Nothing is more dangerous than not thinking.’ What do you think about that?
-Wait a minute – more dangerous than not thinking? Isn't it more dangerous when you start questioning everything? Then you feel like you're sinking into the sand.
Okapi nods. -That's what many humans think at first! Because it's unsettling when things suddenly aren't so clear anymore. No longer ‘normal’ and reliable, so to speak. But Arendt says: Only when we really think can we truly judge. And without the ability to judge, things get really problematic.
-And how exactly does this thinking work?
-Arendt says you have to have a kind of conversation with yourself – an ‘inner dialogue’. Ask yourself: Can I stand by what I do or say, even to myself? Does it fit with my values? Hold yourself accountable, so to speak.
Zebra looks sceptical. -Okay, but is it enough to just talk to yourself?
-Not at all. And that's what's so exciting, because it goes further: we have to try to put ourselves in other people's shoes. Even people from the past, for example. That's how we broaden our perspective. It's not just our own perspective that counts, but many different voices.
-Having several perspectives in your head at the same time?
Okapi nods. -Exactly. Arendt calls this ‘many in one’. Books, films and art help us to do this. Or, if I may say so in all modesty, animals. They show us the world through different eyes. This enriches our thinking, making it more colourful, so to speak. In her later work, she describes the world as a shared stage for all living beings, who perceive each other in their diversity.
-But that sounds pretty exhausting. Aren't humans afraid of that?’ Zebra points out. -Maybe then you have to change something.
-Yes, that's sometimes uncomfortable,’ admits Okapi. -Arendt calls it ‘thinking without banisters’. But it means becoming independent, not just believing what others say. Like Socrates back then: always asking questions, never just accepting things.
-And when are you supposed to do that? You hardly have time for it in everyday life.
-That's right, and that's exactly why it's so important to take this time. You have to step out of the ‘flow of events’. Pause for a moment. Otherwise, you'll just get swept away and won't be able to decide what you actually think is right.
-Did she do that herself? Zebra wants to know.
-Yes, absolutely. She also revised her texts again and again, listened to reactions. For her, writing itself was a thought process, writing was dialogue. And she thought and wrote in several languages – she thought ‘between languages’, as she called it. That opened up new perspectives for her. For her, language was also action, not just talking.
-As far as I know, she lived in the last century. How relevant is she today?
-She is being read a lot again, especially today. Everywhere there are authoritarian tendencies, environmental destruction, complex technical systems that we can hardly understand. This raises the question: how can we respond? How can we raise our voices and voice criticism?
-And her answer would be: think?
-Exactly, and draw conclusions from that. Those who do not think cannot judge. And those who cannot judge cannot act responsibly. That is the real danger. Therefore: nothing is more dangerous than not thinking.





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