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Geheimnis der Begegnung

  • Autorenbild: Aurelia Pangolini
    Aurelia Pangolini
  • 1. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit


-Weißt du was, Okapi, ich hab mir letztens Gedanken darüber gemacht, was eigentlich passiert, wenn wir anderen begegnen. Also wirklich begegnen.


-Wie meinst du das? Es sind doch andauernd alle im Kontakt, schreiben und erhalten Messages, treffen sich online…


- Ja, aber ich meine, dass man sich wirklich begegnet, zur selben Zeit am selben Ort ist.


Okapi schaut verwundert.


-Ich meine, wenn wir jemandem wirklich gegenüberstehen – einem Menschen, einem Tier, sogar einer Pflanze – dann sehen wir uns selbst irgendwie in dem anderen, erklärt Zebra ein wenig ungeduldig. -Die anderen werden zum Spiegel für uns. Dadurch können wir etwas von uns selbst wahrnehmen.


 -Ach so, verstehe. Also quasi, dass wir uns selbst besser kennenlernen durch die Begegnung?


-Genau! Und ich muss sagen, bei Tieren ist das besonders interessant. Wenn man sich darauf einlässt…


-Und ein bisschen Zeit nimmt! unterbricht Okapi.


-In der Tat. Zeit ist wichtig. Dann merkt man aber relativ schnell, dass jedes Tier, genau wie jeder Mensch, die Welt auf seine ganz eigene Art wahrnimmt – ein Schaf anders als ein Vogel, ein Okapi anders als ein Frosch.


Okapi streckt sich. -Fahre fort!


-Und wenn wir einem Tier wirklich begegnen, zeigt es uns eine völlig andere Seite der Realität.


-Kannst du ein Beispiel geben? Okapi klingt nicht überzeugt.


-Klar. Wenn du einem Hund in die Augen schaust, siehst du vielleicht deine eigene Fähigkeit zu vertrauen oder loyal zu sein. Bei einer Katze erkennst du vielleicht die Unabhängigkeit in dir selbst. Und bei einem Reh im Wald – spürst du vielleicht plötzlich deine eigene Verbindung zur Natur, die sonst wie verschüttet ist.


-Und was heißt das dann für uns?


-Das Interessante ist doch: Durch diese Begegnungen mit Tieren kann man erkennen, dass nicht alles nur um Menschen kreist. Diese ganze Selbstzentrierung löst sich auf. Tiere erinnern daran, dass wir alle, auch Menschen, Teil von etwas Größerem sind, sinniert Zebra.


-Das klingt ziemlich philosophisch. Aber was bedeutet das konkret?


-Es geht um die sinnliche Erfahrung. Das ist etwas anderes als rationaler Input durch Lesen zum Beispiel. Also es geht darum, ernstzunehmen, was wir tatsächlich sehen und hören und fühlen – und was wir seelisch wahrnehmen – gerade auch in der Begegnung mit Tieren. Seine Bewegungen, sein Atem. Daraus formt sich für uns die Welt – aus unseren Gefühlen, unseren Sinneseindrücken, unseren Gedanken. Natürlich spielen auch die materielle und die intellektuelle Welt eine Rolle, aber eben zusammen mit dem, was in uns vorgeht.


-Also ist das, was ich bei einer Begegnung subjektiv erlebe, genauso wichtig?


-Absolut! Unser Zugang zur Welt läuft ja immer über unsere eigene Wahrnehmung. Und Tiere lehren uns das auf eine besondere Weise, weil sie so unmittelbar sind, so präsent im Moment. Wenn man das ernst nimmt, dann müsste die Ästhetik – also die Lehre von der Wahrnehmung und den Sinnen – eigentlich die wichtigste Disziplin sein. Wichtiger als Logik oder Ethik.


-Ach so? Wieso das? Okapi bleibt skeptisch. -Soweit ich informiert bin, sieht die klassische Philosophie das anders.


- Trotzdem ist Wahrnehmung die Grundlage. Bevor wir logisch denken oder moralisch handeln können, müssen wir erstmal wahrnehmen. Wahrnehmung - das philosophische Fach Ästhetik - kommt zuerst, alles andere baut darauf auf. Und Tiere sind darin unsere Lehrmeister – sie leben ganz in der Wahrnehmung.


-Ok, so gesehen, ist das Ganze dann eigentlich passend für diese Zeit, oder?


-Belieben? Was meinst du mit dieser kryptischen Schlussfolgerung? will Zebra wissen.


-Na ja, gerade jetzt zu den Feiertagen, wenn überall Lichter leuchten... Vielleicht kann man das als Aufforderung verstehen: wirklich hinzuschauen, einander wahrzunehmen – alle Lebewesen um uns herum. Nicht nur nebeneinander her zu leben, sondern sich zu begegnen. Den Tieren, den Menschen, der ganzen lebendigen Welt.


-Das hast du schön gesagt, sagt Zebra mit feierlichem Kopfnicken. -In diesem Sinne – mögen uns die Lichter dieser Tage daran erinnern, dass wir einander sehen, dass wir andere als unsere Gefährt*innen erkennen, und dass wir in jeder Begegnung ein bisschen mehr von uns selbst und von der Welt verstehen können.




The Secret of Encounters


-You know what, Okapi, I've been thinking lately about what actually happens when we encounter others. I mean really encounter them.


-What do you mean? Everyone is in constant contact, writing and receiving messages, meeting online...


- Yes, but I mean really encountering each other, being in the same place at the same time.


Okapi looks puzzled.


-I mean, when we really face someone – a human, an animal, even a plant – we somehow see ourselves in the other, explains Zebra. -The others become a mirror for us. This allows us to perceive something about ourselves.’


-Ah, I see. So, in a way, we get to know ourselves better through the encounter?


-Exactly! And I have to say, it's particularly interesting with animals. If you let yourself get involved...


-And take a little time! interrupts Okapi.


-Indeed. Time is important. But then you quickly realise that every animal, just like every human, perceives the world in its own unique way – a sheep differently than a bird, an okapi differently than a frog.


Okapi stretches. -Go on!


-And when we actually encounter an animal, it shows us a completely different side of reality.


-Can you give an example? Okapi doesn't sound convinced.


-Sure. When you look into a dog's eyes, you may see your own ability to trust or be loyal. With a cat, you may recognise the independence in yourself. And with a deer in the forest, you may suddenly feel your own connection to nature, which is otherwise buried.


-And what does that mean for us?


-The interesting thing is that these encounters show us that not everything revolves around humans. All this self-centredness dissolves. Animals remind us that everyone, including humans, is part of something bigger, Zebra muses.


-That sounds quite philosophical. But what does it mean in concrete terms?


-It's about sensory experience. That's different from rational input through reading, for example. So it's about taking seriously what we actually see and hear and feel – and what we perceive emotionally – especially when encountering animals. Their movements, their breath. That's how the world is formed for us – from our feelings, our sensory impressions, our thoughts. Of course, the material and intellectual worlds also play a role, but together with what is going on inside us.


-So what I subjectively experience during an encounter is just as important?


-Absolutely! Our access to the world always comes through our own perception. And animals can teach this in a special way, being so immediate, so present in the moment. If you take that seriously, then aesthetics – the study of perception and the senses – should actually be the most important discipline. More important than logic or ethics.


-Oh, really? Why is that? Okapi remains sceptical. -As far as I know, classical philosophy has a different take on that.


-Nevertheless, perception is the foundation. Before we can think logically or act morally, we must first perceive. Aesthetics come first; everything else builds on that. And animals are our teachers in this regard – they live entirely in perception.


-Okay, seen that way, the whole thing is actually fitting for this time of year, isn't it?


-Fitting? What do you mean by that cryptic conclusion? Zebra wants to know.


-Well, especially now during the holidays, when lights are shining everywhere... Maybe it can be understood as a call to really look, to perceive each other – all the living beings around us. Not just to live side by side, but to encounter each other. The animals, the people, the whole living world.

-That's beautifully said. In that spirit, may the lights of this season remind us to see each other, to recognise others as our companions, and to understand a little more about ourselves and the world in every encounter.

 

 

 
 
 

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