Zauberhafte Realität?
- Aurelia Pangolini

- 5. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit

-Sag mal Zebra… Okapi unterbricht den beschwingten Spaziergang und lässt den Blick schweifen. Herbstliches Sonnenlicht dringt durch den Nebel über dem Fluss. -Hast du die Klimakonferenz ein bisschen verfolgt?
-Ja. Ich finde es wichtig, über die Zukunft der Welt zu sprechen, antwortet Zebra mit ernster Miene. -Zwar sind die Ergebnisse oft gering, aber die Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was eigentlich das Wichtigste ist: auf unseren Planeten - das sollte doch höchste Priorität haben. Doch wenn man weiterdenkt, landet man schnell bei einer Erkenntnis, die wir gern verdrängen.
-Welche da wäre? Auf was spielst du an?
- Viele Menschen der sogenannten “ersten Welt” glauben, über alles bestimmen zu können – über andere Menschen genauso wie über Tiere, Pflanzen und die ganze übrige Natur. Die Welt gehört aber allen Lebewesen, die Teil dieses Netzwerks sind. Das Zusammenspiel geht weit über den Menschen hinaus.
-Deswegen war es gut, dass viele Vertreter*innen aus verschiedenen Weltgegenden bei den Gesprächen dabei waren.
-Oder diese Veranstaltungen dienen als Alibi?
-So zynisch möchte ich das nicht sehen, sagt Okapi bestimmt. -Aber wenn wir ernsthaft über die Welt nachdenken wollen, müssen wir alle Mitbewohner*innen mitdenken. Es sollte klar werden, dass viele Dinge, die diskutiert werden, letztlich Fiktionen sind. Zum Beispiel wirkt die alte Vorstellung, dass der Mensch überall das letzte Wort hat, eher wie ein überholter Mythos als wie eine Realität. Es reicht nicht, nur ein paar Prozentpunkte bei Emissionen zu verschieben und bisschen an neoliberalen Werten zu rütteln.
-Aber diese werden ja als unantastbar, und beinahe als heilig dargestellt, gibt Zebra zu bedenken. -Und wenn ich durch die Welt ziehe - also zum Beispiel in der Vorweihnachtszeit - spüre ich eine tiefe Religiosität.
Verblüfft hebt Okapi die linke Braue.
-Kein Scherz, Okapi. Konsum ist Ritual und Gottesdienst. Wer hier mitmacht, ist gesegnet.
-Und was ist das Versprechen? Es geht doch eher darum, anderen zu zeigen dass man mächtiger ist. Also alte archaische Rituale, neu inszeniert. Nicht um einen seligen Zustand.
-Vielleicht. Das mag schon ein Teil sein. Ich glaube aber, dass es auch darum geht, sich glücklich und zugehörig zu fühlen.
-Und deswegen stehen Menschen vor angesagten Shopping-Tempeln Schlange?
-Es gibt eine große Sehnsucht nach Zugehörigkeit – also zum Beispiel, im Trend zu sein. Deswegen machen auch viele bei absurden Traditionen mit. Zum Beispiel, als Zeichen der Dankbarkeit getötete Tiere zu verspeisen.
-Das ist meiner Meinung nach eine Machtdemonstration.
-Kann sein. Aber es gibt auch diesen Wunsch nach einer zauberhafteren Welt. Deswegen die vielen Lichter und Glitzer. Also, ich glaube, das ist ein Ausdruck dafür, dass viele sich mehr Wunderbares wünschen.
-Glauben und Wunder sind ja das richtige in diesem Zusammenhang, wirft Zebra spöttisch ein.
-Ich habe aber einen Beweis dafür!
-Na, da bin ich ja mal gespannt.
-Hast du gewusst, wie oft magische Wesen in Filmen und Spielen auftauchen?
-Du meinst Drachen oder Einhörner?
-In Filmen, Games und Geschichten tauchen ständig Zauber*innen, fantastische Tiere oder irgendwelche Mischwesen auf. Irgendwie holen sich Menschen damit Abenteuer und Sehnsüchte zurück – in einer Parallelwelt. All das Magische, Wilde, Unberechenbare, das im echten grauen Alltag bei vielen längst verschwunden ist, kommt so zumindest virtuell oder im Spiel zurück.
-Interessant. Und was schließt du daraus?
- Wenn Menschen in märchenhafte und aufregende Geschichten eintauchen, hat das auch etwas von Kritik an ihrem jetzigen Leben zu tun: Es zeigt, was ihnen fehlt und was sie sich eigentlich zurückwünschen.
-Das hat was für sich. Aber glaubst du, dass es viel Bereitschaft gibt, sich entsprechend zu verändern? Das bedeutet doch, dass sich auch die Welt rundherum ändert.
-Ich glaube schon! Entfaltung, Selbstentfaltung habe ich noch nie als systemerhaltend verstanden. Es geht nicht darum, kurz 5 Minuten zu meditieren, damit man dann endlich wieder in die Gesellschaft hineinpasst und sich wieder in einen Zustand bringt, wo man alles okay findet. Es geht vielmehr darum, wach zu sein und die Dinge zu erinnern, auf die man Einfluss hat.
-Ist das dein Weihnachtswunsch?
-Etwas früh vielleicht, aber - ja. Zebra nickt.
-Dann hoffe ich, dein Wunsch geht in Erfüllung! schließt Okapi.
Enchanted Reality?
-Hey, Zebra... Okapi interrupts their lively stroll and lets its gaze wander. Autumn sunlight penetrates the mist above the river. -Have you been following the climate conference a bit?
-Yes. I think it's important to talk about the future of the world, Zebra replies with a serious expression. -Although the results are often minimal, drawing attention to what is actually most important – our planet – should be a top priority. But if you think about it further, you quickly come to a realisation that we like to ignore.
-What would that be? What are you hinting at?
-Many humans in the so-called ‘first world’ believe they can control everything – other humans as well as animals, plants and the rest of nature. But the world belongs to all living beings that are part of this network. The interaction goes far beyond humans.
Okapi raises its left eyebrow in amazement.
-No joke, Okapi. Consumption is ritual and worship. Those who participate here are blessed.
-And what is the promise? It's more about showing others that you are more powerful. So old archaic rituals, re-enacted. Not about a blissful state.
-Perhaps. That may be part of it. But I believe it's also about feeling happy and belonging.
-And that's why humans queue up outside trendy shopping temples?
-There is a great longing for belonging – for example, to be trendy. That's why many humans participate in absurd traditions. For example, eating animals that have been killed as a sign of gratitude.
-In my opinion, that's a demonstration of power.
-Maybe. But there is also this desire for a more magical world. That's why there are so many lights and glitter. So, I believe it's an expression of the fact that many humans want more miracles in their lives.
-Belief and miracles are the right thing in this context, Zebra interjects mockingly.
-But I have proof!
-Well, I'm curious to hear it.
-Did you know how often magical creatures appear in films and games?
-You mean dragons or unicorns?
-Witches, wizards, fantastic animals and all kinds of hybrid creatures appear all the time in films, games and stories. Somehow, this allows humans to recapture adventure and longing – in a parallel world. All the magic, wildness and unpredictability that has long since disappeared from many humans' grey everyday lives returns, at least virtually or in games.
-Interesting. And what do you conclude from that?
-When humans immerse themselves in fairy-tale-like or exciting stories, it also has something to do with criticising their current lives: it shows them what they are missing and what they actually want back.
-That makes sense. But do you think there is much willingness to change accordingly? Because that means that the world around us also changes.
-I think so! I have never understood personal development and self-actualisation as something that preserves the system. It's not about meditating for five minutes so that you can finally fit back into society and get yourself back to a state where you think everything is okay. It's more about being awake and remembering the things you have influence over.
-Is that your wish for the winter holidays?
-A bit early perhaps, but yes. Zebra nods.
-Then I hope your wish comes true! concludes Okapi.





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